[...] Ein scharfer, übler Gestank erregte in mir im ersten Moment Übelkeit, bevor ich mich, dank meiner Willenskraft, beherrschen konnte. Wir gingen den Pfad, der mit aus der Erde heraus gegrabenen Leichen in Reihen gelegt besät war; und da, da, hinter einer großen Kiefer, hinter dem Wall frisch aufgeworfenen Sandes, blickte ich hinab, und... Grausam... Grausam... Ein, zwei, vielleicht drei Leichen machen schon einen beklemmenden, erdrückenden Eindruck. Erst jetzt stellen Sie sich vor Tausende, Tausende von Leichen - alle in Uniformen polnischer Offiziere... Die Blüte der Intelligenz, die Ritterschaft der Nation!! Sie bilden Schichten in die Tiefe, unendliches Aufeinander von Leichenschichten! In diesem entsetzlichen Moment fällt das alles in mir eine total schreckliche Assoziation - Assoziation an eine große Sardinenbüchse. Alle wie Sardinen eingelegt, eingelegt beieinander Kopf am Fuß, Fuß am Kopf, zerpresst, abgeplattet, im Leichensaft, der am Grund einiger Gruben Ansammlungen grüner, toter Flüssigkeit bildete, die weder Baumwipfel noch Wolken am Himmel abspiegelte. Wir entblößten unsere Köpfe und standen eine Weile bewegungslos; man konnte Vögel auf Kiefern singen hören. Es hörte auf zu regnen, der heilsame Wind verwehte den üblen Gestank auf die Gegenseite des Grabes. Sogar die Sonne schaute zwischen den Wolken für eine Weile hervor. [...] In solchen Momenten scheint das Leben allein Zynismus zu sein. Der Frühling herrscht über dem Graben einander verwirrter Arme und Beine, verzerrter Gesichter, geklebtes Haars, Offizierstiefel, zerfallener Uniforme und Gürtel. Ich dachte mir, das jede Stellung dieser hier liegenden Leichen, jede Knieverkrümmung, jeder Kopfrückstoss der letzte Reflex größter Qual, Schmerzen, Verzweiflung, Angst war... ob ich mir aber diese schrecklichsten menschlichen Empfindungen vorstellen konnte?
Wald von Katyn, Mai 1943
Katyn. Berichte, Erinnerungen, Publizistik, bearb. Von A.L. Szcześniak, Warschau 1989